Manche Sprachen haben im Vergleich zum Deutschen eine geradezu atemberaubende Sprechgeschwindigkeit. Spanisch, Italienisch und Arabisch sind Beispiele hierfür. Ich mache wiederholt die Erfahrung, dass L1-Sprecher/-innen dieser Sprachen versuchen, das Tempo ihrer Muttersprache auf das Deutsche zu übertragen. Sonst fühlen sie sich, als würden sie in Zeitlupe reden. Ich versichere ihnen immer, dass das aber gar nicht notwendig ist. Jetzt habe ich einen wissenschaftlichen Beleg, warum das Tempo variieren darf … 😉

Je schneller, desto weniger

Der rumänische Sprachwissenschaftler und Mathematiker Dan Dediu hat sich eingehend mit der Struktur europäischer und asiatischer Sprachen beschäftigt und will herausgefunden haben: Je niedriger der Informationsgehalt einer Sprache, desto höher ist die Sprechgeschwindigkeit. Damit meint er nicht die Bedeutung im semantischen, sondern im technischen Sinn. Deswegen ist in diesem Zusammenhang von Bits die Rede.

Für seine Forschung hat er eine mathematische Methode, entwickelt vom US-amerikanischen Mathematiker Claude Shannon, auf die Sprachwissenschaft übertragen. Kernaussage dieser Methode ist: Überraschende Zeichenfolgen enthalten viel Information (Bits), vorhersehbare wenig.  Gemeinsam mit seinem Kollegen Christophe Coupé hat Dan Dediu anhand der Silbenfolgen von 17 europäischen und asiatischen Sprachen deren Informationsgehalt bestimmt.

Die Ergebnisse ihrer Forschung haben die beiden im Fachblatt „Science Advances“ veröffentlicht: Es gebe Sprachen, deren Information sehr dicht sei. Dazu gehörten zum Beispiel das Englische, Vietnamesische und vor allem das Thailändische mit acht Bits pro Silbe. Arm an Information seien dagegen das Baskische (fünf Bits), Japanische und Italienische.

Die Übertragungsrate ist entscheidend

Im Schnitt sei die Übertragungsrate jedoch bei allen Sprachen ähnlich, nämlich ungefähr 39 Bits pro Sekunde, sagt Dediu. Seine Schlussfolgerung lautet: Möglicherweise ist das der optimale Wert, den das menschliche Gehirn am besten verarbeiten kann.

Es ist also völlig normal, dass Sprecher-/innen „schneller Sprachen“ im Deutschen in ein gemächlicheres Sprachtempo verfallen. Schlussendlich kommt es ja dann aufs Gleiche raus, wenn man von der statistischen Information ausgeht.

Ganz intuitiv bestätigen das übrigens auch Menschen, die zwei oder mehr Sprachen als „Muttersprache“ beherrschen. Für sie ist es vollkommen natürlich, die Sprechgeschwindigkeit je nach Sprache zu wechseln. Das Redetempo hat also vor diesem Hintergrund auch nichts mit dem Temperament zu tun. Ade Klischee …

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