Dieses Phänomen kennen sicher alle Lehrenden: Mit fortschreitendem Lernprozess gehen die Lernenden kreativ mit Sprache um und konfrontieren einen mit interessanten Neuschöpfungen. In einem meiner Kurse diskutierte ich einmal mit den Teilnehmern über die unangenehmen Begleiterscheinungen von Prüfungsangst. In diesem Zusammenhang nannte ein Teilnehmer „die Schwitzigkeit der Hände“. Auch wenn ich ihm leider erklären musste, dass „Schwitzigkeit“ (noch) keinen Eingang in den Wortschatz der deutschen Sprache gefunden hat: Seine Kreativität in Sachen Wortbildung freute mich.

Denn sie zeigte, dass der Lernende eine Form der Wortbildung der deutschen Sprache verinnerlicht hatte. Wenn es Komposita wie „Ehrlichkeit“ gibt, bei denen aus einem Adjektiv und dem Suffix „-keit“ ein neues Substantiv entsteht, warum sollte das bei „Schwitzigkeit“ anders sein?
Ähnliches passiert auch bei der Konjugation der Verben. Unregelmäßige Verben werden einfach wie regelmäßige benutzt. Da „schreibte“ der Autor eben einen Text oder alternativ hat er etwas „geschreibt“. Auch das ist ein Zeichen dafür, dass ein Grundprinzip des Deutschen verstanden wurde.

Kleine Kinder, die Deutsch als ihre L1 lernen, gehen übrigens genauso vor. Sie lernen automatisch erst die Grundstrukturen und probieren diese kreativ aus. Auch bei ihnen werden viele Formen der unregelmäßigen Verben zunächst wie bei den regelmäßigen gebildet. Nicht nur das, viele Eltern erinnern sich noch mit Freude Jahrzehnte später, welch lustige Wortneubildungen der eigene Nachwuchs in jungen Jahren so auf Lager hatte. Das interessante ist, dass diese Wörter durchaus im Kontext verstanden werden.

Wörter verändern Sprache

So ist es meist auch bei den Wortneubildungen der Erwachsenen, die Deutsch als Zweit-oder Fremdsprache lernen. Oft ist es so, dass die Kursteilnehmer derartige Schöpfungen sofort verstehen. Nur ich als Lehrende komme mir manchmal im wahrsten Wortsinn begriffsstutzig vor. Zu sehr verhaftet im konventionellen Wortschatz.

Was sagt das über das System Sprache aus? Es ist dynamisch und verändert sich im Laufe der Zeit. Zuwanderung ist nur ein Faktor, der Sprache modifizieren kann. Auch von Generation zu Generation wandelt sich Sprache. Die Ausdrucksweise der jungen YouTuber ist anders als die ihrer Eltern und Großeltern. Wörter wie „Smombie“, (eine Wortschöpfung aus „Smartphone“ und „Zombie“, die eine Person beschreibt, die wegen exzessiver Smartphonenutzung nichts mehr von ihrer Umwelt mitbekommt) tauchen schon in manchen Online-Wörterbüchern auf. Vielleicht werde ich dort irgendwann auch Schwitzigkeit lesen.

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