Die Volkshochschule (vhs) feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Sprachkurse sind bis heute ein wichtiger Teil ihres Programms. 1964 war ein Meilenstein in der Geschichte der vhs und des Hueber Verlags unter Leitung von Ernst Hueber: Gemeinsam gestaltete man eine völlig neue Orientierung des Sprachunterrichts. Ein Gespräch mit Michaela Hueber, die den Verlag seit 1986 leitet, über die Vision ihres Vaters Ernst Hueber und die Entwicklung der vhs-Kurse.

Frau Hueber, die Vermittlung von Sprachen war Ihrem Vater zeitlebens ein Anliegen. Was war seine Motivation?

Michaela Hueber: Die Verständigung über Grenzen hinweg lag ihm am Herzen. Er hat den Zweiten Weltkrieg als sehr junger Soldat, mit 17 Jahren, erlebt und geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Er hat gesehen, wie viel Leid der Krieg auch Russland gebracht hat. Für meinen Vater war klar: So etwas darf sich nicht wiederholen. Gegenseitiges Verständnis war eine Voraussetzung dafür. Und um Verständnis zu entwickeln, muss ich den anderen zunächst einmal sprachlich verstehen können. Mein Vater hat diese Philosophie gelebt. Er sprach Russisch und ist schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs regelmäßig zu Buchmessen nach Warschau und Moskau gefahren.

Anfang der 1960er-Jahre hat Ernst Hueber mit dafür gesorgt, dass der Sprachunterricht an der vhs modernisiert wurde. Wie kam es dazu, und wie sah diese Neuorientierung aus?

Michaela Hueber: Anfang der 1960er-Jahre startete die SPD eine Bildungsoffensive für die Erwachsenenbildung. Jeder sollte die Chance haben, sich weiterzubilden, um zum Beispiel mehr berufliche Möglichkeiten zu haben. Auch die vhs-Sprachkurse sollten dementsprechend hochwertig sein, konkret definierte Lernziele haben und einen anerkannten Abschluss bieten. Aus diesem Grund entwickelte Robert Nowacek, der damalige vhs-Sprachenbeauftragte, die Volkshochschul-Zertifikate. Ernst Hueber hat ihn dabei unterstützt und dieses Vorhaben von Anfang an gefördert. Er stimmte die Hueber-Lehrwerke auf das neue Unterrichtskonzept ab. Die Lehrwerksreihe „Für Sie“ wurde ein großer Erfolg, allen voran „Englisch für Sie“. Der didaktische Ansatz ging schon damals in eine kommunikativere Richtung. Die Themen waren relevant für den Alltag und beinhalteten bereits die Bausteine Hörverstehen, Leseverstehen, Schreiben und Sprechen. Der Unterricht wurde zeitgemäß und praktisch.

Heute sind es nicht mehr Fremdsprachen wie Englisch, sondern vor allem Deutschkurse, die an der vhs unterrichtet werden. Ernst Hueber setzte sehr früh auf Lehrwerke für Deutsch?

Michaela Hueber: Ja, im Rückblick kann man ihn als Visionär bezeichnen. Schon 1954 hat er eine sehr mutige Entscheidung getroffen und die Rechte für ein Deutschlehrwerk erworben. Das Manuskript war zuvor von zwei Sprachverlagen abgelehnt worden. Wohl vor dem Hintergrund, dass die deutsche Sprache damals nicht gerade als populär galt.
1955 erschien dann dieses Lehrbuch von Dora Schulz, damals Geschäftsführerin des Goethe-Instituts, und Heinz Griesbach unter dem Titel „Deutsche Sprachlehre für Ausländer“ im Hueber Verlag. Es wurde millionenfach verkauft und legte damit den Grundstein für unsere Sparte Lehrwerke für Deutsch.

Werden die Deutschkurse auch in den kommenden Jahren einen Großteil der vhs-Kurse ausmachen?

Michaela Hueber: Ich bin überzeugt, dass Deutschland zunehmend ein Einwanderungsland wird. Das hat zum einen einen traurigen Grund: Deutschland wird auch in Zukunft Geflüchtete aufnehmen, die vor den Folgen des Klimawandels oder Kriegen flüchten müssen.
Zum anderen wird es immer mehr Arbeitsmigration geben. Wir haben einen Fachkräftemangel, der sich aufgrund unserer demographischen Entwicklung noch verstärken wird. Wir brauchen ein Einwanderungsgesetz.
Ich denke aber auch, dass die Welt grundsätzlich zusammenwachsen wird. Viele Firmen sind schon jetzt international, beschäftigen Mitarbeiter aus vielen Nationen. Für kommende Generationen wird es normal sein, einige Jahre in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten. Gegenseitiges Verstehen und daraus resultierendes Verständnis sind und bleiben also ein wichtiges Thema.



www.100jahre-vhs.de


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