Nicht nur Lehrende brauchen Fingerspitzengefühl im Umgang mit kulturellen Besonderheiten. Wir sprechen diesbezüglich meist von interkultureller Kompetenz. Weniger bekannt ist das Schlagwort transkulturelle Kompetenz. Was versteht man darunter? Wie verhält man sich transkulturell kompetent und worin liegt der Unterschied zu interkultureller Kompetenz?

Das Ziel von interkulturellem Training ist, die eigene Kultur im Vergleich zu einer fremden Kultur zu reflektieren, Unterschiede zu respektieren und folglich besser miteinander zu kommunizieren. Das Konzept der Transkulturalität geht davon aus, dass es klar abgegrenzte Kulturräume und damit kulturelle Identitäten nicht mehr gibt. Dazu trägt nicht nur die weltweite Migration bei, sondern auch das Internet. Es ermöglicht, zeitlich und räumlich unabhängig an verschiedenen Diskursen und Kulturen teilzuhaben.

Transkulturell kompetent: ein Beispiel

Was das konkret bedeuten kann, verdeutlicht Dorothee Thommes, Autorin des Hueber-Lehrwerks Menschen im BerufMedizin, an einem Beispiel aus dem medizinischen Bereich.

Stellen wir uns eine Patientin wie Sarah Jildiz* (*Name erfunden) vor, eine junge Pädagogin, 24 Jahre, aus Köln. Ihr Vater ist ein Kind türkischer Eltern der ersten Generation. Ihre Mutter stammt aus Polen und ist in den 1980ern mit 19 Jahren zum Studium nach Deutschland gekommen.
Sarah ist in Deutschland aufgewachsen, hat das deutsche Schulsystem absolviert, spricht Deutsch und Polnisch fließend. Mit ihren türkischen Großeltern spricht sie Deutsch, kann aber so viel Türkisch, dass sie die wesentlichen Inhalte von Gesprächen versteht, in denen nur Türkisch gesprochen wird. Sie trifft sich regelmäßig mit ihren Cousins und Cousinen aus Krakau. Sarah ist getauft, nach ihrem Glauben gefragt, würde sich aber selbst als Agnostikerin bezeichnen.

Nehmen wir weiter an, nicht nur ihr Name, sondern auch ihre äußere Erscheinung ließen auf einen türkischen Migrationshintergrund schließen. Der behandelnde Arzt geht davon aus, dass sie Muslima ist. Vielleicht weiß er, dass in der muslimischen Welt der Körperkontakt zwischen nicht verheirateten oder nicht verwandten Männern und Frauen als Intimitätsverletzung wahrgenommen werden kann. Er möchte sich interkulturell kompetent zeigen und gibt Sarah Jildiz im Gegensatz zu anderen Patienten nicht die Hand zur Begrüßung. Sie wäre vermutlich eher befremdet als begeistert …

Was kann „transkulturell kompetent in diesem Kontext bedeuten? Der Arzt ist sich beispielsweise bewusst, dass Sarah Jildiz trotz ihrer Abstammung möglicherweise keinen Bezug zu traditionellen muslimischen Konventionen hat. Und darüber hinaus: Selbst wenn sie Muslima wäre, könnte er in Betracht ziehen, dass es sehr viele Varietäten im Umgang mit Körperlichkeit bei Musliminnen und Muslimen gibt.

Ganz allgemein kann man sagen: Transkulturell kompetent ist, wer eigene lebensweltliche Prägungen reflektiert und die Perspektive anderer ohne Kulturalisierungen und Stereotypisierungen zu verstehen versucht.

 


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