„Sie wissen eben manchmal nicht, wie man etwas will,“ erklärt mir meine Kollegin K., die aus einem osteuropäischen Land stammt. „Ihre Lerntraditionen sind ganz anders.“ Wir unterhalten uns über ein Phänomen, das mich immer wieder erstaunt – obwohl ich mich mit Lerntraditionen wiederholt beschäftigt habe.

Am Ende eines mehrmonatigen Kurses würde ich gerne die Teilnehmer entscheiden lassen, wie wir die letzten Unterrichtstage nutzen. Was wir vertiefen, wiederholen oder welche Themen wir noch aufgreifen wollen. Die Resonanz auf diesen Vorschlag ist allerdings meist verhalten. Selbst in Kursen, an denen Personen teilnehmen, die in ihrem Heimatland fest im Berufsleben standen, und die täglich Entscheidungen treffen mussten, die weitaus relevanter waren als die über den Inhalt einer Deutschstunde. Zumindest diese Lernenden müssten doch selbstbewusst genug sein, Ihre Wünsche und Bedürfnisse zu äußern, oder?

Lerntraditionen: Umlernen fällt schwer

„Das hat damit nichts zu tun“, klärt mich meine Kollegin weiter auf. „Lerntraditionen sind sehr prägend. Sobald Menschen im Kontext „Unterricht“ sind, fallen sie in diese alten Muster zurück. In osteuropäischen, asiatischen oder arabischen Ländern ist es meist so, dass ausschließlich der Lehrer bestimmt, wo es langgeht. Das geht schon in der Schule los und hört selbst im Studium nicht auf. Du bekommst von Anfang an vermittelt, dass deine Meinung nicht wichtig ist. Selbst an der Universität ist es undenkbar, zum Beispiel mit Professoren zu diskutieren oder gar Kritik zu üben.

Und wenn du immer das Gefühl hast, dass es sowieso nicht interessant ist, was du denkst oder willst, dann hörst du irgendwann auf zu reflektieren. Dann weißt du einfach nicht, was du wollen sollst, weil du nie gelernt hast, das zu formulieren. Ich weiß, wovon ich spreche. Für mich war das auch ein Lernprozess während meines Studiums in Deutschland. Am Anfang hat es mich total überfordert, dass ich mein Studium selbst planen konnte und nicht alles vorgesetzt bekommen habe. Das habe ich erst nach und nach schätzen gelernt,“ schließt K.

Ich bin ihr wirklich dankbar für diese Einblicke. Jetzt fühle ich mich beinahe so, als wäre ich etwas unreflektiert an die Sache herangegangen. Ihre kurze Erklärung erscheint mir weitaus klarer und einleuchtender als viele Fachtexte, die ich zu diesem Thema gelesen habe. Einmal mehr denke ich mir, wie bereichernd es ist, wenn man in unterschiedlichen Kulturen zuhause ist. Man kann die Welt nicht nur besser verstehen, sondern sie manchmal auch anderen erklären …

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