Wie halten Sie es mit dem Landeskundeunterricht? Faktenorientiert an den klassischen Themen Kultur, Geografie und Geschichte oder interkulturell orientiert mit der klassischen Frage „Und? Wie ist das in Ihrem Land?“

Plurikulturelle Kursteilnehmer:innen

Eine chinesische Deutschlernerin erzählt: „Ich habe in London studiert, lebe seit zwölf Jahren in Deutschland und habe seit zwei Jahren einen deutschen Pass. Wegen Corona habe ich meine Eltern schon lange nicht mehr besucht und weiß eigentlich gar nicht mehr, wie es heute in China aussieht. Aber mein Sprachlehrer fragt mich jede Woche: Was denken Sie als Chinesin darüber? Was soll ich darauf antworten?“

Die Frage setzt einen Kulturbegriff voraus, der Kultur als ein allgemeingültiges, für eine Gesellschaft oder Gruppe typisches, fast statisches Ordnungssystem versteht. Die Heterogenität globalisierter und mobiler Gesellschaften und Individuen und ihre Plurikulturalität werden hier nicht adäquat berücksichtigt.

In dieser Form ist Landeskunde also nicht mehr zeitgemäß, findet auch Hans Joachim Schulze, Dozent am Goethe-Institut Frankfurt a.M. und Hueber-Referent zu Themen wie Storytelling und Diskursive Landeskunde.

Diskursive Landeskunde

Schulze hat sich eingehend mit dem Thema Diskursive Landeskunde beschäftigt und analysiert, wie dieser Diskurs-Ansatz in den Lehrwerken der neuen Generation realisiert wird.  Bei der Internationalen Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer 2022 in Wien wird er auch für das Goethe-Institut über das Thema referieren.

Die Diskursive Landeskunde von Claus Altmayer versteht sich als Weiterentwicklung des kulturwissenschaftlichen Ansatzes und geht davon aus, dass  Ziele und Inhalte von Landeskunde nicht feststehen, sondern immer wieder aufs Neue im Diskurs ausgehandelt werden müssen. Dieser Ansatz hat Auswirkungen auf die Gestaltung des Unterrichts und natürlich auch auf die Materialien.

Der Fall der Berliner Mauer in modernen Lehrwerken

Natürlich ist der Fall der Berliner Mauer auch in modernen Hueber-Lehrwerken wie Vielfalt und Momente ein wichtiges Thema. Allerdings wird hier der kognitive Teil auf wenige Basis-Wörter und Fakten reduziert. Dann geht es um die Vermittlung der Ereignisse durch Zeitzeugen: In Momente berichten eine Ostberlinerin und ein junger Mann, dessen Mutter den Fall der Mauer in Westberlin erlebt hat, ihre persönlichen Eindrücke. Auf ganz individuelle Weise werden auch die Lernenden in das Zeitgeschehen eingebunden mit der Frage: „Was haben Sie oder Ihre Eltern und Großeltern 1989 gemacht?“ So entsteht aus dem landeskundlichen Thema ein Sprechanlass, an dem sich alle beteiligen können.

Migration als erzählte Landeskunde

Auch das Thema Migration greift das Lehrwerk Momente in einer sehr persönlichen kleinen Geschichte auf: Antonios Eiscafé feiert Jubiläum. Sein Vater Vittorio hat es vor 60 Jahren in der deutschen Stadt Hamm gegründet. In einem Radiointerview mit Antonio wird die Entwicklung des Cafés lebendig, die Unterschiede zwischen dem Deutschland heute und dem Wirtschaftswunder-Deutschland spiegeln sich in der Familiengeschichte der italienischen Familie.
Eine weiterführende Aufgabe in Vielfalt animiert die Lernenden der B2-Stufe, eine eigene Migrationsgeschichte zu schreiben, die sie kennen.

Implizite Landeskunde – die reale Welt

Unter impliziter Landeskunde versteht man, dass Texte und Bilder Informationen enthalten, die nicht unbedingt auf den ersten Blick zu erkennen sind, aber von den Lernenden doch implizit aufgenommen werden. Dabei geht es hauptsächlich um die Protagonist:innen und Geschichten in Sprachlehrwerken. In vielen Lehrwerken sind die Figuren stark „homogenisiert: Die Personen sind meist jung, gut gelaunt und haben keine wirklich großen Probleme. So entsteht ein verzerrtes Bild  der Gesellschaft in deutschsprachigen Ländern, weil beispielsweise Menschen aus ärmeren Schichten oder die große Gruppe der Bevölkerung über 60 Jahre gar nicht auftreten.

Gesellschaft ist vielfältig: Deswegen kommen im Hueber-Lehrwerk Momente auch Protagonisten wie ein 84-jähriger Rentner, eine Obstverkäuferin und ein Flaschenpfandsammler vor, denn sie alle gehören zu Deutschland, Österreich oder der Schweiz mit ihren Geschichten, die keine heile Welt präsentieren.

Landeskunde diskursiv – mitreden können

Ziel der Diskursiven Landeskunde ist es, Lernende zu befähigen, sich an aktuellen Diskursen in einer Gesellschaft  zu beteiligen und diese auch aktiv mitzugestalten. Das Lehrwerk Momente etwa bringt den Lernenden das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) näher.  Dabei werden aber auch kritische Aspekte angesprochen – so lesen die Lernenden den Bericht eines Praktikanten, der sich total ausgebeutet fühlt.
Das Lehrwerk Vielfalt wiederum lässt die Lernenden über charakterliche Stärken und Schwächen diskutieren. Auch dabei geht es nicht darum, eine normierte Sicht zu vermitteln. Denn was eine vermeintliche Schwäche ist, kann sich in einem anderen Kontext als Stärke erweisen und wird von den Lernenden selbst definiert.

Neugierig geworden? Dann melden Sie sich zum kostenlosen Webinar  mit Hans Joachim Schulze am 22. Juli 2022 an!

 


Webinartipp:

Mein Land – dein Land? Unser Land! Diskursive Landeskunde

Das Hueber-Webinar mit Hans Joachim Schulze am 22. Juli 2022:
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