Kleine Tulpensträuße stehen an den Plätzen der Kursteilnehmerinnen und auf meinem Tisch, daneben eine selbstgebackene Apfeltorte für uns alle. Die beiden Männer im Deutschkurs haben das für den 8. März organisiert. „Feiert man den Frauentag in Deutschland nicht?“ fragen sie, als sie mein überraschtes Gesicht sehen. Liegt es an mir, meinem Umfeld, bin ich im falschen Bundesland? Bisher habe ich im Alltag jedenfalls keine besondere Aufmerksamkeit für diesen Tag bemerkt – im Gegensatz zu weitaus belangloseren „Feiertagen“.

Die Teilnehmerinnen treffen ein und freuen sich ganz selbstverständlich. Ein landeskundlicher Diskurs par excellence entspinnt sich über den Frauentag in den einzelnen Ländern. Sie tauschen sich aus, wie sich Frauen selbst feiern, bekocht und bedient werden. Vor allem in (ehemals) sozialistischen Ländern war bzw. ist dieser Tag eine feste Größe. „Zu Propagandazwecken“ werden Kritiker einwerfen. Aber darum soll es jetzt nicht gehen. Genauso wenig darum, wie sich der Kapitalismus diesen Tag wie so viele andere aneignet, um den Konsum anzuheizen.

Mehr Frauentag in der Landeskunde

Der Frauentag ist weder Erfindung sozialistischer Machthaber noch irgendeiner anderen Regierung. Eine Deutsche hat ihn ins Leben gerufen: Die Frauenrechtlerin Clara Zetkin beantragte 1910 mit ihrer Mitstreiterin Käte Duncker auf der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen einen Tag, der auf internationaler Ebene auf das fehlende Wahlrecht für Frauen hinweisen sollte. Der Antrag wurde angenommen, und so fanden zunächst in Dänemark, im deutschen Kaiserreich, in Österreich, der Schweiz und in den USA Frauentage statt. Zunehmend kristallisierte sich der 8. März als allgemeines Datum dafür heraus.

Ich beschließe, den engagierten Frauen in Zukunft mehr Platz einzuräumen, sollte ich wieder einmal an einem Frauentag unterrichten. Im Rahmen der Landeskunde kann ich mir in jedem Unterrichtsformat Zeit dafür schaffen. Das Interesse der Teilnehmer, so habe ich heute bemerkt, ist auf jeden Fall vorhanden.

Aber vielleicht wird der internationale Frauentag dann wie in Berlin auch in Bayern ein Feiertag sein. Ein Tag zur Erinnerung daran, dass es in Sachen Gleichberechtigung noch einiges zu tun gibt … Das Frauenwahlrecht ist immerhin mittlerweile selbstverständlich: Acht Jahre nach den ersten Frauentagen führte es die Weimarer Republik 1919 ein.

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