Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einer öffentlichen Bibliothek und beschäftigen sich konzentriert mit didaktischer Fachliteratur. Plötzlich werden Sie jäh von einem knackenden Geräusch unterbrochen. Zwei Tische weiter sitzt eine Person, die genüsslich Karotten knabbert. Wenn Sie jetzt den dringlichen Wunsch hegen, aufzuspringen, dem Karottenesser seinen Vorrat zu entreißen und aus dem Fenster zu werfen, dann sind Sie … vermutlich feldabhängig.

Doch was versteht man unter „feldabhängig“ genau? Im neurodidaktischen Sinn heißt das, dass Sie ein bestimmtes Umfeld brauchen, um sich konzentrieren oder lernen zu können. Denn Menschen, die feldabhängig sind, werden stark von ihrer Umgebung beeinflusst. Deswegen brauchen Sie vielleicht Ruhe, wenn sie zum Beispiel eine anspruchsvolle Lektüre haben. Oder sie wünschen sich gute Lichtverhältnisse, um sich ausreichend konzentrieren zu können.

Es gibt auch Menschen, für die ihre Umgebung überhaupt oder fast keine Rolle spielt. Für sie zählt allein die Motivation, wenn sie sich auf etwas fokussieren wollen. Man spricht dann von feldunabhängigen Personen. Nehmen wir zum Beispiel unseren Karottenkonsumenten. Unter Umständen gehört er zu dieser Gruppe. Deswegen kann er sich vielleicht gar nicht vorstellen, wie der Verzehr von Karotten – beziehungsweise das Geräusch, das dadurch entsteht –, irgendjemanden stören könnte. (Wenn er allerdings ohne seine Karotten gar nicht lernen kann, wäre er selbt in hohem Maße feldabhängig).

Ein gutes Lernumfeld schaffen

Was bedeuten derartige Überlegungen nun für einen Sprachkurs? Ein Kurs ist nie vollkommen homogen. Er setzt sich also meist aus feldunabhängigen und feldabhängigen Menschen zusammen. Und wie wir gesehen haben, ist letzteren ihre Lernumgebung wichtig.
Das kann sich auf den Raum beziehen, in dem der Kurs stattfindet: Bietet er genügend Platz, ist die Ausstattung gut? Habe ich genügend Ruhe, um mich zu konzentrieren, oder stört mich Verkehrslärm oder der Geräuschpegel aus anderen Zimmern?
Feldabhängigkeit betrifft aber auch Personen: Sind mir die Lehrkraft oder die anderen Kursteilnehmer/innen sympathisch?

Natürlich kann man als Lehrender nicht alles beeinflussen, gerade was Sympathien betrifft, manches aber schon. Ist der Lehrende selbst eher feldabhängig, wird er auf eine entsprechende Lernumgebung achten: Zum Beispiel die Fenster schließen, wenn der Verkehrslärm zu laut wird, oder um Rücksicht bitten, wenn die Geräusche aus anderen Kursräumen überhand nehmen. Im ungünstigsten Fall kann er auch einen Kurswechsel anregen, wenn eine Person sich überhaupt nicht wohl fühlt. Lehrende, die eher feldunabhängig sind, können auf Basis dieses Wissens evtl. mehr Verständnis aufbringen für Bedürfnisse, die ihnen auf den ersten Blick nicht so relevant erscheinen.

Sind Sie feldabhängig? …

Teilen Sie als Erste/r diesen Beitrag.